Walpurgisnacht 2002

von Nerthus von Norderney

Am Montag vor der Walpurgisnacht regnete es und einige Frauen sagten leider ab. Letztes Jahr war das auch nicht viel anders und ich weiss, wenn die Göttin mitkriegt, dass sie gefeiert werden soll, dann regnet es einfach nicht. So ist das und so war es auch diesmal.

Freudig und erregt fuhr ich mit zwei Frauen (Jacqueline und Angela) gen Essen und wie ein Blitz waren wir schon da.

Wir nahmen unsere Körbe mit den Leckereien aus dem Kofferraum und gingen noch ca. 300 m zu Fuss.

Als wir an dem Hexenhäuschen ankamen, waren noch nicht allzu viele Frauen da. Bevor wir die Treppe in den Garten heruntergingen, begrüßten wir die Gastgeberin. Ulla war wieder ganz in lila gekleidet und strahlte uns so richtig an.

Im Garten standen Tische für das Essen und Trinken, auf denen wir unsere Sachen verteilten. Wir trafen auf Betti und ihre Freundin Ellen.

Kurze Zeit später saßen wir wie Hühner auf einer Leiter, quatschten und beobachteten das grosse Feuer inmitten des Gartens. Wir hatten uns teilweise ein Jahr nicht gesehen und uns viel zu erzählen.

Mittlerweile trafen immer mehr Frauen ein. Alle lächelten und freuten sich, dass sie da waren.

So gegen halb neun wurden noch mal alle von Ulla begrüßt und sie erzählte uns etwas zum Ablauf des Abends.

Zuerst machte eine Frau mit einem wunderschönen lila Umhang ein Ritual zu Ehren der Göttin. Zuerst zündete sie Räucherstäbchen auf dem Altar an, die neben einer Figur der Venus von Willendorf standen. Auf der anderen Seite stand eine Vase mit Blumen. Sie rief die Geister der Himmelsrichtungen an und segnete Weiß- und Rotwein als Säfte der Frauen.

Wir sangen zusammen ein schönes Lied:
Grosse Mutter, wir hören Dein Lachen
Grosse Mutter, wir hören Deinen Ton
Grosse Mutter, wir hören Dein Rufen
Grosse Mutter, wir kommen schon...

Danach wurden alle Frauen mit den Weinen gesegnet, der rote für die Liebe und der weisse für den Schutz. Die Reste wurden als Trankopfer an die Göttin vor das Feuer gegeben.

Eine andere Teilnehmerin zeigte uns Kreistänze zu griechischer Musik. Dabei mussten wir uns die Hände reichen. Ich war so stolz auf meine warmen Hände (es war nur so 12 Grad an der frischen Luft) und dann wurde es richtig kalt – die Frau zu meiner linken Seite, wie auch die zu meiner rechten Seite hatten Eisklumpen an den Händen. Mir wurde im ersten Moment richtig kalt.

Das änderte sich schlagartig, als eine Art meditativer Kreistanz gemacht wurde. Die Schritte waren so angelegt, dass frau erst nach links in die Vergangenheit schaute, dann nach rechts in die Zukunft und dann geradeaus in die Gegenwart. Es ging eine solch´ starke Kraft durch den Kreis, dass nicht nur mir sehr warm wurde. Dabei hatte ich eine sehr charismatische Frau an der Hand. Sie wirkte richtig mondän in ihrer schönen Kleidung, der goldenen Brille und dem Turban auf dem Kopf.

Dann gab es wieder den Tanz, um das Feuer anzufachen.

Es war nun schon ziemlich dunkel geworden und das Büffet wurde gestürmt. Leider konnte ich im Kerzenschein nicht sehen, in welchem Salat Fleisch drin war, sodass ich verschiedene Pasten und Brot nahm. Hauptsache Knoblauch...Viele Frauen hatten sich richtig Mühe mit dem Essen gemacht, so dass für jede etwas Leckeres dabei war.

Zwischendurch gingen die Frauen zum Haus, um ihre Wünsche auf Papier zu schreiben. Diese wurden auf eine Pfanne mit einem gutriechenden Blütenpotpourri gelegt, um am Ende des Festes dem Feuer übergeben zu werden.

Nachdem wir alle satt waren, gingen wir den Labyrinth Tanz, den ich so schön finde.

Der Text zu dem Tanz ging ungefähr so:
Joy, we are joy… Joy, we are joy… Joy, we are joy…
Peace, we are peace… Peace, we are peace… Peace, we are peace…
Light, we are light… Light, we are light… Light, we are light…
Love, we are love… Love, we are love… Love, we are love…

Nun war Feuerlaufen angesagt. Als Jacqueline mich fragte, ob ich laufen würde, sagte ich, dass ich noch Autofahren müsse. Das hört sich jetzt vielleicht witzig an, aber ich hatte Angst zu viele Energien abzubekommen. Das, was ich in den Kreistänzen schon mitbekam und von den Frauen, die über das Feuer liefen, reichte mir vollkommen.

Manche Frauen waren so in Trance, dass sie mehrmals über die heiße Glut liefen. Damit steckten sie auch die jungen Mädchen (sie waren so zwischen 9 und 12 Jahren) an, die mit ihren Müttern gekommen waren. (Danach hatten sie noch Bretter mit der bloßen Faust durchgeschlagen. Sie waren stolz und glücklich, eben kleine Göttinnen.)

Als wir uns von Ulla verabschieden wollten, hörte ich ein Gespräch von ihr mit, wie arbeitsintensiv die Vorbereitungen zu diesem Fest  - es fand nun zum 10. Male statt - seien. Angefangen vom Besorgen der Kerzen, Fackeln etc. bis hin zum Holzsammeln im Wald.

Aber sie meinte, dass es sich lohnt. Sie würde sich so darüber freuen, dass Mütter ihre Töchter mitbringen, damit sie den Glauben an die Grosse Mutter miterleben können. Sie wünschte sich, dass sie das auch in ihrer Kindheit erlebt hätte. Aber zu dieser Zeit kannte frau diese Feste noch nicht, geschweige denn, sie hätten sie gefeiert.

Da muss ich ihr recht geben. Es ist so wichtig, die weibliche Spiritualität zu leben und an die Kinder weiterzugeben. Die Liebe und die Kraft zu erfahren, die Frauen in Ritualen aufbauen und weitergeben. Das gibt allen Frauen gross und klein Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und den Mut, das eigene Leben zu meistern.

Die Walpurgisnacht ist nun zwei Tage her und ich habe immer noch Hochgefühle und wünschte, sie würden für immer bleiben.

 

Nachwort:

Ich war ca. 2.15 Uhr zu Hause, habe zur Erdung noch etwas gegessen und TV geguckt. Um 3 Uhr habe ich dann endlich in der Koje gelegen und die fröhlichen Gesichter der Frauen gesehen. Das hat mir richtig gutgefallen. Bis um 3.30 Uhr mein allerliebster Kater Merlin meinte, mir ein Ständchen bringen zu müssen. Vielleicht hatte er etwas von den Energien abbekommen (die anderen Miezen schliefen ganz lieb). Ich nahm ihn auf den Arm, ging so einmal mit ihm durch die ganze Wohnung. Danach legte ich mich wieder hin und er sich zu meinen Füssen.
Um 9.30 Uhr nach einer sehr unruhigen Nacht (ein Tross Besoffener nach dem anderem passierte unsere Strasse) stand ich auf. Dann habe ich stundenlang mit Thor telefoniert, Betti angerufen, um sie nach der Telefonnummer von Ellen zu fragen, Ellen dann angerufen, um festzustellen, dass wir am gleichen Tag Geburtstag haben. Ausserdem kannte Ellen mich sogar mit meinem alten Pseudonym über zig Ecken. Mit meiner Mutter habe ich auch gequatscht. Zwischendurch hatte mein Mann Ralf Bratkartoffeln gemacht und da bin ich nach dem Essen zum ersten Mal richtig müde geworden. Vielleicht hat er mir eine Schlaftablette ins Essen gemogelt...aber nach dem Gespräch mit Curtis war ich wieder so, als hätte mir jemand eine Mark eingeworfen (gut, dann eben einen Euro).

So, jetzt mache ich Schluss hier, bevor der Computer zuviel Energie von mir bekommt und auch noch anfängt zu „spinnen.

An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an Ulla, die sich immer so viel Mühe gibt und ihren Garten zur Verfügung stellt, um dieses Fest überhaupt möglich zu machen.